Interview mit Tonya Frank, Leitende Ärztin Notfall
Menschen, die in Lebensgefahr schweben oder medizinische Unterstützung benötigen, finden bei Tonya Frank und ihrem Team Hilfe. In diesem Interview erfahren Sie mehr über Tonya Frank und ihre hektische, sehr bewegende Arbeit.
Seit 2020 ist sie Leitende Ärztin im Kantonsspital Glarus. Gleich zu Beginn stellt sie klar: Ihr Beruf ist kein typischer «Nine-to-Five»-Job. Man muss das Chaos lieben. Das zeigt sich auch während des Interviews, denn immer wieder unterstützt sie Mitarbeitende, führt kurze Telefonate oder klärt organisatorische Fragen.
Was viele nicht wissen: Bevor Tonya Frank Ärztin wurde, absolvierte sie eine Ausbildung zur Zootierpflegerin. Schon damals merkte sie, dass sie sich weiterentwickeln wollte, holte das Abitur nach und begann zunächst ein Biologiestudium. Erst ein Praktikum im Spital brachte die entscheidende Erkenntnis: Die Medizin faszinierte sie mehr.
Was genau ist Notfallmedizin?
«In der Notfallmedizin kümmern wir uns um Menschen, die plötzlich erkranken oder verunfallen. Das kann präklinisch als Notärztin sein oder innerklinisch auf der Notfallstation. Ziel ist es, dauerhafte Schäden oder einen tödlichen Ausgang zu verhindern. Aber auch bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden geht es darum, dass es den Patienten wieder besser geht – zum Beispiel durch Schmerzlinderung.»
Anhand eines Beispiels erklärt sie ihren Alltag: «Kommt jemand mit Brustschmerzen ins Spital, muss ich rasch einschätzen, ob diese lebensgefährlich sind – etwa bei einem schweren Herzinfarkt – oder eine harmlose Ursache haben. Dafür brauche ich eine Risikoabschätzung und muss entscheiden, welche nächsten Schritte notwendig sind.»
In der Notfallmedizin behandle man Patienten meist ohne Vorkenntnisse. Oft fehlen Informationen zur Vorgeschichte, und dennoch müssen innerhalb kurzer Zeit Entscheidungen getroffen werden.
Was macht eine Leitende Ärztin im Notfall?
«Ich bin für die operative Führung des Teams und die Koordination aller Beteiligten zuständig, damit Patienten schnell und angemessen versorgt werden. Dazu gehören Personalführung, Qualitätssicherung sowie das Management von Ressourcen wie Zeit, Material und Infrastruktur. Gleichzeitig trage ich die Verantwortung dafür, dass medizinische und organisatorische Standards eingehalten werden – in einem anspruchsvollen finanziellen Umfeld. Zudem bin ich für die Ausbildung der Assistenzärzte verantwortlich.»
Gerade in akuten Situationen arbeitet sie eng mit einem multidisziplinären Team aus Ärzten und Pflegefachkräften zusammen. «Ich muss sicherstellen, dass diese Zusammenarbeit funktioniert.» Auch abseits akuter Notfälle spiele Organisation eine zentrale Rolle. «Die Patientenversorgung und die Ausbildung stehen dabei immer im Mittelpunkt.»
Welche Eigenschaften braucht es für diesen Beruf?
Tonya Frank schmunzelt: «Man muss das Chaos lieben.» Man müsse bereit sein, nie genau zu wissen, wie der Tag verlaufe, und jederzeit umzuplanen.
Daneben seien Führungs- und Sozialkompetenzen wichtig, ebenso Verantwortungsbewusstsein, Belastbarkeit und Einfühlungsvermögen. Kommunikationsfähigkeit, strukturiertes Denken und fachliche Kompetenz seien entscheidend. «Es kann sein, dass es morgens völlig ruhig ist – oder dass man direkt in den Schockraum gerufen wird und dort mehrere Stunden bleibt.»
Was hat Sie zur Notfallmedizin gebracht?
Vor allem die Unvorhersehbarkeit des Alltags. Kein Tag gleicht dem anderen, jeder Dienst bringt neue Situationen mit sich. Das breite Fachwissen, die notwendige Flexibilität und der ständige Wechsel verhindern Routine. Genau diese Dynamik motiviert sie bis heute.
Was erfüllt Sie an Ihrem Beruf am meisten?
«Momente, in denen ich merke, dass es einem Menschen wieder besser geht. Wenn ich sehe, dass unser Einsatz jemanden vor Schaden bewahrt hat – manchmal reicht auch das Gefühl von Dankbarkeit.»
Gibt es eine Erfahrung, die Sie in Ihrem Beruf erlebt haben, die Sie bis heute prägt?
Klar sei, dass es einige Erfahrungen gegeben habe, sowohl im positiven als auch im schwierigen Sinn, sagt Tonya Frank. Einsätze als Notärztin ebenso wie Situationen in der Klinik und Fälle, die einen auch Jahre später nicht loslassen. Besonders prägend sei ein Unfall gewesen, bei dem zwei junge Männer alkoholisiert und mit hoher Geschwindigkeit unter einen stehenden Lastwagen gefahren seien. Die Verletzungen seien so schwer gewesen, dass ihnen nicht mehr geholfen werden konnte. In kurzer Zeit hatten sich die Eltern, viele Angehörige, Freunde und Bekannte am Unfallort versammelt. Den Eltern und Familien mitteilen zu müssen, dass ihre Söhne nicht überlebt haben und sie abzufangen, gehöre zu den Erlebnissen, die man mitnehme.
Oder eine Dreijährige mit einer Wunde, welche auf Wunsch der Eltern, ungeimpft gewesen sei. Trotz mehrerer Versuche, die Mutter von der Tetanusimpfung für ihre Tochter zu überzeugen, gelang mir das nicht. Ein paar Jahre später sind mir Mutter und Tochter begegnet. Die Kleine war, nach einer Masernerkrankung, schwerstbehindert. Noch heute denke ich jedes einzelne Mal daran, wenn ich wieder Kinder betreue, die aus verschiedenen Gründen nicht geimpft sind und hoffe, dass ihnen nicht das gleiche passiert.
Neben diesen schweren Momenten gebe es auch Erfahrungen, an die sie sich mit einem Schmunzeln erinnere. Sie sei einmal als Notärztin zu einer älteren Dame wegen leichter Brustschmerzen geholt worden. Das EKG habe einen grossen Herzinfarkt gezeigt. Noch während des Gesprächs habe die Frau einen Herzstillstand erlitten, habe jedoch dank sofortiger Defibrillation erfolgreich reanimiert werden können. Das Ganze hat sich bis ins Spital noch 3x wiederholt. Trocken meinte die Patientin, sie hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, den Rettungsdienst zu belästigen, aber es scheine doch nicht so verkehrt gewesen zu sein. Ihre humorvolle Reaktion und die spätere Dankbarkeit, unter anderem in Form eines Kuchens für die ganze Wache, seien Tonya Frank bis heute in Erinnerung geblieben.
Was unterscheidet das KSGL von Ihrem vorherigen Arbeitgeber?
Am KSGL sieht Tonya Frank vor allem Entwicklungspotenzial. Im Vergleich zu ihrem vorherigen Arbeitgeber, wo viele Strukturen bereits seit längerem umgesetzt waren, gibt es hier noch viel Raum für Weiterentwicklung und Mitgestaltung. Das Team beschreibt sie als stabil und sehr gut eingespielt, was motiviert, gemeinsam neue Strukturen zu schaffen und Prozesse zu optimieren und auszubauen. Einer der Hauptgründe für den Wechsel war für sie genau diese Möglichkeit, aktiv mitzugestalten und Dinge voranzubringen, auch wenn die COVID-Zeit einige Vorhaben erschwerte.
Was hat Sie im Jahr 2020 dazu bewogen ins Glarnerland zu kommen?
Einerseits die beruflichen Perspektiven, andererseits bezeichnet sich Tonya Frank selbst als sehr «berg-affin». Sie wollte wieder in einer Region leben und arbeiten, in der die Berge nah sind. Zuvor lebte sie in Schaffhausen, wo man die Berge bei gutem Wetter lediglich sehen konnte. Im Glarnerland ist sie nun mittendrin. Ihre Hobbys sind eng mit den Bergen verbunden: Wildwasserfahren, Canyoning, Wandern und Skifahren. Die Möglichkeit, eine Leitungsfunktion im Notfall zu übernehmen, etwas aufzubauen und gleichzeitig die Berge direkt vor der Haustür zu haben, waren für sie ausschlaggebend.
Welche wichtige Rolle haben Sie während des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2025 übernommen?
Ihre Rolle während des ESAF 2025 beschreibt sie als koordinierend und organisierend. Aus ihrer Sicht war das Hauptziel, das Spital medizinisch, organisatorisch und kommunikativ auf eine
besondere Lage vorzubereiten. Sie führte die verschiedenen Fäden zusammen und sorgte dafür, dass klare Strukturen geschaffen wurden, damit im Ernstfall aber auch im Normalbetrieb alles funktionierte. Aufgrund der Lage des Festgeländes und der besonderen Verkehrssituation musste berücksichtigt werden, dass Patienten und Personal das Spital nur erschwert erreichen konnten.
Was machen Sie in Ihrer Freizeit um von der Arbeit abzuschalten?
In ihrer Freizeit ist Tonya Frank gerne draussen unterwegs, oft gemeinsam mit ihrem Hund Gipsy. Sie wandert viel und bildet ihren Hund aktuell zur Personensuche aus. Outdoorsport spielt ebenfalls eine wichtige Rolle und sorgen für Ausgleich. Daneben trifft sie sich gerne mit Freunden, liest viel und hört Musik. All das hilft ihr, abzuschalten und den Kopf freizubekommen.
Das Interview wurde durch unsere KV-Lernende Nuria Granados geführt.

Tonya Frank, Leitende Ärztin Notfallstation